ICILS-Studie: Deutschland verschlechtert sich bei digitalen Kompetenzen
Zum dritten Mal nach 2013 und 2018 wurden die digitalen Kompetenzen von Schülerinnen und Schülern der 8. Jahrgangsstufe im Rahmen der „International Computer and Information Literacy Study“ (ICILS) 2023 international untersucht. Deutschland fällt bei computer- und informationsbezogenen Kompetenzen deutlich zurück und schneidet bei den Informatikkompetenzen weiterhin unterdurchschnittlich ab. Die Gesellschaft für Informatik (GI) fordert deshalb die rasche und flächeneckende Einführung verpflichtenden Informatikunterrichts.
Berlin, 13. November 2024 – Im internationalen Vergleich der ICILS 2023 schneiden Achtklässlerinnen und Achtklässler aus Deutschland im Bereich der computer- und informationsbezogenen Kompetenzen zwar über dem internationalen Mittelwert ab, allerdings lässt sich ein deutlicher Kompetenzrückgang feststellen. An der Spitze der Länderrangreihe liegen mit signifikant höheren mittleren digitalen Kompetenzen die Republik Korea, Tschechien, Dänemark und Taiwan. Im Bereich der informatischen Kompetenzen (Computational Thinking) liegen deutsche Schülerinnen und Schüler leicht unter dem internationalen Mittelwert der teilnehmenden EU-Staaten.
Prof. Dr. Jan Vahrenhold, Mitglied des nationalen ICILS-Konsortiums und Sprecher des Fachbereichs Informatik und Ausbildung / Didaktik der Informatik IAD der Gesellschaft für Informatik (GI): „Die Ergebnisse von ICILS 2023 sind ein Weckruf für uns alle: Der digital divide wird immer größer. Die Studie zeigt, dass wir in Deutschland einen erheblichen Anteil der Schülerinnen und Schüler bei der Vermittlung digitaler und informatischer Kompetenzen nicht erreichen. Und es trifft vor allem Kinder in nicht gymnasialen Schulformen und Heranwachsende mit Zuwanderungshintergrund und mit benachteiligter sozialer Herkunft. Deshalb ist ein flächendeckender verpflichtender und vor allem von qualifizierten Lehrkräften durchgeführter Informatikunterricht über alle Schulformen hinweg, wie ihn die Ständige Wissenschaftliche Kommission der Kultusministerkonferenz gefordert hat, essentiell.“
Der aktuelle Informatik-Monitor 2024/25 von Gesellschaft für Informatik, Stifterverband und Heinz Nixdorf Stiftung, der die Situation des Informatik-Unterrichts in Deutschland jedes Jahr neu vermisst, zeigt: Es führen zwar immer mehr Bundesländer das Fach Informatik für alle Schüler*innen ein, in der Tiefe und im Umfang bleiben die meisten Länder aber weit hinter den von der Ständigen Wissenschaftlichen Kommission (SWK) der Kultusministerkonferenz (KMK) geforderten sechs Wochenstunden in den Klassenstufen 5 bis 10 zurück. In diesem Schuljahr erhalten nur sechs Prozent der Schüler*innen den empfohlenen Umfang von sechs Wochenstunden in der Sekundarstufe I (also beispielsweise eine Stunde pro Woche über sechs Schuljahre).
Christine Regitz, Präsidentin der GI: „ICILS 2023 zeigt, dass sich die Ausstattung der Schulen mit digitalen Endgeräten und Software zwar deutlich verbessert hat. Aber das ist noch immer nicht ausreichend, denn eigentlich müsste jedes Kind Zugang zu digitalen Lernmedien und einem qualitativ hochwertigen Informatikunterricht haben. Der Anteil der Lehrkräfte, die digitale Medien täglich im Unterricht nutzen, hat sich seit 2013 zwar deutlich gesteigert von neun Prozent auf nun etwa 70 Prozent und liegt nun erstmals signifikant über dem internationalen Mittelwert (61 Prozent) und gleichauf mit der EU-Vergleichsgruppe. Allerdings wird auch deutlich, dass bei der Aus-, Fort- und Weiterbildung von Lehrkräften in Bezug auf Digitalisierung, insbesondere hinsichtlich der praktischen Anwendung und der Unterrichtsentwicklung, erheblicher Entwicklungsbedarf besteht.“
Auch hier hilft ein Blick in den Informatik-Monitor 2024/25: Um den empfohlenen Informatikunterricht von sechs Wochenstunden in der Sekundarstufe I bundesweit anbieten zu können, werden mindestens 32.800 Lehrkräfte benötigt. Im vergangenen Schuljahr waren jedoch nur knapp 10.000 Informatiklehrkräfte beschäftigt, wodurch eine Lücke von mindestens 22.800 Lehrkräften entsteht. Die Bundesländer setzen aktuell vor allem auf die Weiterbildung bereits angestellter Lehrkräfte: Im vergangenen Schuljahr erhielten mehr als 900 Lehrkräfte die zusätzliche Unterrichtsbefähigung für Informatik. Neu eingestellte Lehrkräfte machten hingegen nur etwa ein Viertel der neuen Informatiklehrkräfte aus; insbesondere der Weg des Quer- und Seiteneinstiegs wird noch wenig genutzt.
Die ICILS definiert Computer- und informationsbezogene Kompetenzen (computer and information literacy, CIL) als individuelle Fähigkeiten einer Person, die es ihr erlauben, digitale Medien zum Recherchieren, Gestalten und Kommunizieren von Informationen zu nutzen und diese zu bewerten, um am Leben im häuslichen Umfeld, in der Schule, am Arbeitsplatz und in der Gesellschaft erfolgreich teilzuhaben. Kompetenzen im Bereich ‚Computational Thinking‘ (CT) sind demnach individuelle Fähigkeiten einer Person definiert, Aspekte realweltlicher Probleme zu identifizieren, die für eine informatische Modellierung geeignet sind, algorithmische Lösungen für diese (Teil-)Probleme zu bewerten und selbst so zu entwickeln, dass diese Lösungen mit einem Computer operationalisiert werden können.
An der „International Computer and Information Literacy Study“ 2023 beteiligten sich weltweit insgesamt 35 Teilnehmerländer, davon 22 EU-Mitgliedstaaten. Die repräsentative Stichprobe in Deutschland umfasst 5.065 Achtklässler*innen sowie 2.302 Lehrkräfte an 230 Schulen. Zudem wurden die Schulleitungen und IT-Koordinator*innen der teilnehmenden Schulen befragt. In Deutschland wird die Studie durch ein wissenschaftliches Konsortium unter der Leitung von Prof. Dr. Birgit Eickelmann (Universität Paderborn) und unter Beteiligung von Prof. Dr. Jan Vahrenhold (Universität Münster) durchgeführt.
Die Ergebnisse der ICILS 2023 sowie eine Zusammenfassung finden Sie unter https://kw.uni-paderborn.de/institut-fuer-erziehungswissenschaft/arbeitsbereiche/schulpaedagogik/forschungsprojekte/icils-2023.
Über die Gesellschaft für Informatik e.V.
Die Gesellschaft für Informatik e.V. (GI) ist die größte Fachgesellschaft für Informatik im deutschsprachigen Raum. Seit 1969 vertritt sie die Interessen der Informatikerinnen und Informatiker in Wissenschaft, Gesellschaft und Politik und setzt sich für eine gemeinwohlorientierte Digitalisierung ein. Mit 14 Fachbereichen, über 30 aktiven Regionalgruppen und unzähligen Fachgruppen ist die GI Plattform und Sprachrohr für alle Disziplinen in der Informatik. So wird Fachbereich Informatik und Ausbildung / Didaktik der Informatik IAD der GI wird getragen von Fachleuten in und aus der Informatikbildung. Mit dem Informatik-Monitor schaffen die Gesellschaft für Informatik, der Stifterverband und die Heinz Nixdorf Stiftung Transparenz zum aktuellen Stand der informatischen Bildung in Deutschland. Die GI hat sich Ethische Leitlinien gegeben, die Ihren Mitgliedern als Orientierung dienen.
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